Chronik

Unsere Vereinschronik


1888 wurde in Sauerlach ein Burschenverein gegründet. Das war zu einer Zeit, als die soziale Absicherung für Notfälle noch keine Selbstverständlichkeit war und davon vor allem unverheiratete Personen betroffen waren, die noch keinen Anspruch auf das Bürger- und Heimatrecht hatten. So ist es zu verstehen, dass es zur Gründung des Burschen- und Krankenunterstützungsverein Sauerlach gekommen ist. Bei der zum Ausdruck gebrachten Zielsetzung war es nicht verwunderlich, dass der neu gegründete Verein in kürzester Zeit einen enormen Zulauf fand und relativ bald der Wunsch nach einer eigenen Burschenfahne diskutiert wurde. Mit Sicherheit ging es dabei auch darum, bei örtlichen Veranstaltungen, insbesondere aber auch bei der Fronleichnamsprozession in würdiger Weise vertreten zu sein. Die erste Fahnenweihe fand dann am 26. August 1894 statt. Zu einem Umzug mit den geladenen Vereinen hatte die Gemeindeverwaltung im Namen der Ortspolizeibehörde ihre Zustimmung erteilt. Der Antrag hierzu wurde vom damaligen Vorstand des Vereins Johann Streicher gestellt. Als Patenverein konnte der Burschenverein Perlach gewonnen werden. 1)
Dokumentiert wird durch ein noch vorhandenes Foto, dass der Burschenverein am 20. Juli 1913 sein 25- jähriges Gründungsjubiläum festlich begangen hat. Die Zahl der Teilnehmer an dieser Veranstaltung zeigt, dass das Vereinsleben, zu dem auch die Geselligkeit gehörte, in voller Blüte stand. 2)
Dieses fand mit Beginn des Ersten Weltkrieges ein jähes Ende, weil die Burschen zum Wehrdienst eingezogen wurden. Nach Kriegsende änderten sich Aufgaben und Ziele des Vereins, da die soziale Fürsorge in Notlagen immer mehr von staatlichen Stellen übernommen wurde. Die Notwendigkeit einer Unterstützung im Krankheitsfall durch den Verein trat damit weitgehend in den Hintergrund. über besondere Aktivitäten aus dieser Zeit ist nichts mehr bekannt. Der Verein muss jedoch zunächst weiter bestanden haben, obwohl die Burschenkasse der Inflation und dann Ende 1923 der neuen Währungsordnung zum Opfer fiel. Der Kassenbestand war damals auf 5,9 Goldpfennige geschrumpft. 3)
Zur Auflösung kam es allerdings, als die neuen Machthaber des Dritten Reiches die Vereine verboten oder diese in NS-Organisationen überführten. Gleichzeit wurden die Vereinsvermögen eingezogen. Dazu ist es allerdings in Sauerlach nicht gekommen, weil die Burschen bei ihrer letzten Versammlung im Jahre 1934 den vorhandenen Kassenbestand bis auf die letzte Mark so wird berichtet verzecht haben. Damit verabschiedete sich der Burschenverein, fürs erste gesehen, nach 45 Jahren, um es sarkastisch zu sagen, mit einer zünftigen Feier.
Zum 60-jährigen Gründungsfest des Nachbarvereins Oberhaching erging an den hiesigen Verein, den es nicht mehr gab, die Einladung an diesem Fest am 27. August 1950 teilzunehmen. Die Oberhachinger hatten sich erinnert oder in ihren Vereinsakten Aufzeichnungen gefunden, dass die Sauerlacher 1890 ihr Patenverein waren. Hans Niedermaier nahm die Einladung entgegen, organisierte einige Burschen und nahm mit einer kleinen Abordnung an den Feierlichkeiten teil. Auch die alte Fahne, freilich arg zerknittert, kam dabei zu Ehren. Dieser Festtag gab den Anstoß sich des früheren Burschenvereins in Sauerlach zu erinnern. Nach einer Reihe von vorbereitenden Gesprächen und Sitzungen, die von Pfarrer Faltermeier initiiert wurden, kam es am 4. November 1950 zur Wiedergründung des Vereins mit Wahl der ersten Vorstandschaft. Bei 25 stimmberechtigten anwesenden Burschen wurden Gottfried Reiser als erster und Hans Niedermaier als zweiter Vorstand gewühlt. Pfarrer Faltermeier wurde als ständiger Beisitzer in den Vorstand berufen. Die ehemaligen Vereinsfarben Weiß-Blau wurden beibehalten. Bei der Abfassung der Statuten, insbesondere aber bei der genauen Bezeichnung des Vereins, hielt man sich an den Kerngedanken bei der Gründung des Vereins und die Formulierung Kranken-Unterstützungsverein. Die soziale Komponente wird in der Vereinssatzung mehrmals zum Ausruck gebracht. Z.b. wurde in § 15 festgelegt, dass für kranke Mitglieder ein Krankengeld, nach Maßgabe der vorhandenen Mittel, ausgegeben werden kann. Nach Abschluss des offiziellenTeils wurde noch das vom Wirt der Bahnhofsrestauration gestiftete Fass Bier geleert. 4)
Bereits im Frühjahr 1951 fanden die ersten Gespräche darüber statt, ob es sinnvoll sei, die alte Fahne zu restaurieren, oder nicht besser eine neue Fahne angeschafft werden sollte. Die Entscheidung fiel dann für eine neue Fahne, trotz der Kosten von ca. 700 DM. Innerhalb weniger Monate waren alle Vorbereitungsarbeiten abgeschlossen. Als Patenverein konnte der Burschenverein von Ober- und Mitterdarching gewonnen werden. Die Fahnenweihe fand am 26. August 1951 statt. Neben den örtlichen Vereinen und dem Patenverein waren die Burschenvereine Föching/Fellach, Einigkeit Grünwald, Grasbrunn, Anzing, Putzbrunn, Oberhaching, Deisenhofen, Taufkirchen, Münsing und Großdingharting zu Gast. Im Rahmen der Festlichkeiten wurden der frühere Vorstand Max Taubenberger zum Ehrenvorstand und die Altmitglieder Max Beil, Johann Braun, Johann Lidl, Paul Mayer, Michael Pinzer, Erasmus Scheicher und Johann Waldhauser zu Ehrenmitgliedern ernannt. Für die so geehrten bot dieser Tag die Gelegenheit über Vergangenes zu reden und manches zu erzählen, was historisch nicht mehr nachvollzogen werden kann. Unter der Regie von Gottfried Reiser als Vorstand hat der Burschenverein in den 50-Jahren seine Hochzeit erlebt und mit vielen Aktivitäten zum gesellschaftlichen Leben in unserer Gemeinde beigetragen. Zu erwähnen sind die jährlichen Theateraufführungen und unvergessliche Burschenbälle. 5)
Hinter vorgehaltener Hand wurde behauptet, dass so mancher Bursche seine Heiratspläne hinauszögerte, um noch etwas länger der Burschenherrlichkeit frünen zu können. Eine besondere Ehre wurde dem Burschenverein zuteil, als Seine Eminenz, Kardinal Dr. Joseph Wendel, im Rahmen eines Besuches in Sauerlach, in einem Eintrag in die Chronik den Burschen den Segen des Allmächtigen spendete. Grund für diese Auszeichnung war, dass die Mitglieder des Vereins beim Kirchenanbau tatkräftig mitgeholfen hatten. Doch alle Herrlichkeit findet ein Ende; Gottfried Reiser heiratete im Sommer 1958. Leider konnte kein Nachfolger gefunden werden, der Burschenverein fiel in einen Dämmerschlaf.
Viele Jahre später hat sich Karl-Heinz Dietz als neugewählter Vorstand mit Schreiben vom 15. Mai 1975 bei der Gemeinde gemeldet. Es wurde zum Ausdruck gebracht, dass sich der neu zum Leben erwachte Burschenverein, neben gesellschaftlichen Veranstaltungen, die Mitarbeit in der Gemeinde zum Ziel setzte. 6)
Das waren keine leeren Versprechungen, denn bereits im Frühjahr 1976 organisierten die Burschen, im Einvernehmen mit der Gemeinde, die erste unentgeltliche Sperrmüllabfuhr; die dazu erforderlichen Fahrzeuge wurden von den örtlichen Bauern gestellt. Zudem beteiligte sich der Verein an Entrümpelungsaktionen der Sauerlacher Fluren. Eine Selbstverständlichkeit war es an den örtlichen kirchlichen und weltlichen Festlichkeiten teilzunehmen. Bereits 1975 gab es mehrfach Gelegenheit sich mit der Fahne in der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Trachtenverein feierte das 70-jährige und der Turn- und Sportverein sein 50-jähriges Gründungsfest. Auch ein Theaterstück mit dem Titel Der Wink mit dem Zaunpfahl wurde noch im gleichen Jahr aufgeführt. Nachdem die Burschenvereine der Umgebung ebenfalls in die Jahre gekommen waren, wurden die Sauerlacher zu deren Gründungsfesten oder gelegentlich zu Fahnenweihen eingeladen. Das Erscheinungsbild des Vereins wäre sehr einseitig gezeichnet, wenn nicht mitgesehen würde, dass das Vereinsleben von vielfältigen gesellschaftlichen Veranstaltungen geprägt wird. Dazu gehören Tanzveranstaltungen, Weinfeste, Sonnwendfeiern oder die Verabschiedung abtrünniger Burschen, die sich dafür entschieden haben, den zukünftigen Lebensweg etwas anders zu ordnen. Auch der alte Brauch, zu einem solchen Anlass einen Hochzeitsbaum aufzustellen, ist wieder zu Ehren gekommen. Eine zünftige Nachfeier gab es immer dann, wenn nicht innerhalb einer Jahresfrist ein Bua zur Welt kam. Der Baum wurde wieder umgeschnitten und der Holzwert in Alkohol umgesetzt. Den Höhepunkt eines Burschenjahres bildete jedoch der immer bestens organisierte Burschenausflug mit z.T. recht attraktiven Zielen.
Ein ganz besonderes Ereignis in der Vereinsgeschichte war das im August 1988 begangene 100-jährige Gründungsfest. Im Mittelpunkt der dreitägigen Feierlichkeiten stand der Festgottesdienst auf der Niedermaier-Wiese am Stauchartinger Weg, mit anschließendem Festzug. Daran waren zehn örtliche Vereine, acht Burschenvereine aus der Umgebung und zwei Musikzüge beteiligt. Vorausgegangen war ein Bieranstich am Freitag, sowie ein Tanzabend mit der Spitzenband California Sun. Die Gesamtveranstaltung stand unter der Schirmherrschaft unseres damaligen Zweiten Bürgermeisters Gottfried Reiser. Trotz Feiern und Festlichkeiten erinnert sich der Burschenverein gelegentlich seiner Gründungsidee vor 100 Jahren, sich im Notfall gegenseitig zu unterstützen. So wurde im Januar 1990 im Dorf eine Christbaumaktion durchgeführt, d.h. die dürren Weihnachtsbäume wurden eingesammelt und entsorgt. Die erhaltenen Trinkgelder hat der Verein anschliessend an eine Hilfsorganisation für herzkranke Kinder gespendet. 7)
Zu den Traditionsterminen im Kalender des Burschenvereins gehört das jeweils im September in einem Feldstadel am Oberbrandweg stattfindende Countryfest, bei dem Spitzenbands wie z.B. die Key West oder Ragin River zu Gast waren. Den höchsten Zuspruch hat die Spider Murphi Gang mit einem Konzert am 30. Juli 1993 in einem Festzelt am Otterloher Weg vor ca. 4.000 begeisterten Fans erfahren. Die sich mit diesen Aktivitäten entwickelnde finanzielle Situation des Vereins förderte auch die Idee, die Kindergärten unseres Dorfes bei der Ausstattung mit Spielgeräten mit einem angemessenen Betrag zu unterstützen. Die Behauptung, der Burschenverein wolle damit im Blick auf die Zukunft in Kindergartenkreisen bereits spätere Mitglieder aquirieren, muss als hinterhältige Verleumdung angesehen werden. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass sich der Burschenverein entschied, die alte, 1894 geweihte Fahne mit einem Kostenaufwand von ca. 6.000 DM restaurieren zu lassen.

Walter Borger